Limmer

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Aus der Gemarkung Limmer stammen eisenzeitliche Funde, die auf eine alte Besiedlung des an der Leine liegenden Ortes schließen lassen. Die 1979 auf dem Weinberg lokalisierte Limmerburg war Lehen des Bischofs von Minden, wobei das v.Goertz-Wrisbergsche Gut als ursprünglicher Wirtschaftshof anzusprechen ist. Der jeweilige Besitzer war Patron der Ortskirche. So erbaute August Friedrich v.Stöckheim im Jahre 1712 das jetzige Gotteshaus an den alten Wehrturm. Nördlich von der Kirche liegt das Dorf Limmer hochwassersicher auf einer Kiesterrasse. Es hatte im Jahre 1776 nur 11 Feuerstellen, also Häuser, erlebte dann aber einen starken Ausbau seit der Anlage des Kalibergwerkes Desdemona in Godenau um das Jahr 1900. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen neue Siedlungsgebiete und der Industriebereich „Limmer West“ hinzu.
 
Seit 1849 gehören einige Häuser der kleinen Siedlung Brünighausen zu Limmer. Die Landesgrenze ist durch Grenzsteine auch im Ortsbereich von Brünighausen zu erkennen. Die Gebäude im westlichen Teil sind Brunkensen zugeordnet.

  

Ein Jahr vor der Französischen Revolution , in deren Gefolge auch erhebliche Veränderungen in Deutschland eintraten, entstand im Juni 1788 ein Panorama des Alfelder Leinetales. In seinem Zentrum liegt Limmer. Dahinter sind die Stadt Alfeld und die Dörfer Wettensen, Eimsen, Röllinghausen und - nur angedeutet - Langenholzen bzw. Hörsum wie die östlich der Leine liegenden Berge dargestellt.

Mit den Siebenbergen und dem Sackwald verbindet die einheimische Bevölkerung bekanntlich zahlreiche Sagen, die oft mit dem Winzenburger Geist Hödeken, seinen Attributen oder aber davon unabhängige Inhalte wiedergeben.

 

Gänzlich anders ist die reale Welt, die das Bild besonders im Vordergrund zeigt. Als harte Wirklichkeit ohne jede Romantik oder geistig-kulturelle Überlieferungsstränge werden die dörflichen Arbeitsweisen wie die Formen des Personen- bzw. Warentransportes abgebildet.

Der unbekannte Künstler, dem wir das mittlerweile mit erheblichen „Zeitspuren“ versehene Bild verdanken, arbeitet am unteren Bildrand am Fuß eines gewaltigen Baumrestes an einer Staffelei. Links von ihm schießt ein Jäger, dessen Hund anscheinend auf den Ruf zum Apportieren wartet. Ein von zwei Hunden begleiteter Mann geht auf dem Randweg nach rechts, also nach Süden.

An ein großes blau gehaltenes Feld schließen sich mehrere Äcker an, auf denen in Streifen scheinbar schon neue Pflanzen wachsen. Interessant ist der weite, in braun gehaltene Ackerbereich, auf dem zahlreiche Arbeitstechniken der damaligen Zeit angedeutet sind.

Drei Ochsengespanne pflügen, danach sind neun Pferde.

offensichtlich beim Eggen, während mehrere Männer die Tiere führen bzw. eine gesonderte Gruppe beisammensteht. Mindestens zwei Frauen sind bei der Bodenbearbeitung. Am rechten unteren Bildrand sieht man eine Schafhürde, zwei Schäferkarren und zu beiden Seiten der Zäune je eine Schafherde.

Quer durch das beschädigte Bild zieht sich die Chaussee, die heute als B3 bezeichnet wird. Von links nach rechts erkennt man ein einachsiges Gefährt, zwei ebenfalls einachsige Frachtwagen, einer von einem und der andere von drei Pferden gezogen, und zwei Fußgänger. Hangabwärts nach rechts fährt eine zweispännige Kutsche, danach folgen ein Reiter, eine von einem Hund begleitete Person, die möglicherweise eine Karre schiebt, ein großer Frachtwagen mit zwei Pferden, dem eine von drei Tieren gezogene Kutsche entgegenkommt.

Auf dem Zwischengebiet zur Leineniederung hin stehen insgesamt 13 Personen in einer Reihe. Die meisten tragen rote Jacken, bei zweien hebt sich das Blau deutlicher ab. Eventuell handelt es sich hier um eine Treibjagd, worauf ein Hund schließen läßt. Durch die leichten Beschädigungen lassen sich einige eingezeichnete Details nicht mehr eindeutig als Personen oder anderes ansprechen.

Auf Wettensen und Alfeld zu wird die Leinewiese von Pferden und Kühen zum Weiden genutzt. Kurz vor der Stadt erhebt sich eine Baumgruppe. Der Weinberg trug die mittelalterliche Limmer Burg, deren Versorgungshof möglicherweise mit dem späteren Rittergut identisch ist. Sein 1722/23 erbautes Herrenhaus erhebt sich, vom Künstler deutlich überhöht, aus der

unmittelbaren Umgebung, also dem Wirtschaftshof heraus. Auf dem Gelände trafen sich im übrigen am 13. Oktober 1625 Tilly und Wallenstein zu einer Besprechung.

 

An der alten Heerstraße steht bereits das Haus eines heutigen Gastronomiebetriebes, hinter dem die ebenfalls vergrößerte Kirche emporragt. Links schließt sich das Bauerndorf an.

Das Wiesengebiet wird von der noch stark mäandrierenden Leine von rechts (Süden) nach links (Norden) durchflossen.

Gegenüber vom calenbergisch--lauensteinischen Limmer liegt das Hildesheimer Land mit den genannten Dörfern und der noch weitgehend von der mittelalterlichen Befestigung umgebenen Stadt Alfeld. Die St.Nicolai-Kirche ist deutlich zu sehen. Ob der Turm links von ihr als das Hörsumer Tor anzusprechen ist, sei dahingestellt. Sofort sichtbar ist jedenfalls der Fillerturm.

 

Rechts am Bildrand ist die Leinebrücke ebenso angedeutet wie die ersten Häuser westlich der Leine, wo sich ab 1853/54, also der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Hannover-Alfeld-Göttingen, die Industrie ansiedelte. Außerdem wies der Künstler durch eine entsprechende Farbgebung nahe einer Chausseekurve auf das 1982 versetzte St.Elisabeth-Stift hin. Die stadtnahen Berghänge dienten damals dem Ackerbau, der Weidenutzung bzw. als Gärten, während die oberen Teile der Berge mit Büschen und Bäumen bestanden waren.

 

Einen umfangreichen Einblick in die Lebenswelt des damaligen Dorfes Limmer erhalten wir durch die Beschreibung des 1789 geborenen Joh.H. Kreibohm, die hier in einigen Auszügen wiedergegeben sein soll: 

„ Mein Geburtsort Limmer bei Alfeld, ein kleines Dorf bestehend aus einem adligen Gute, zehn Bauer-Kötherstellen, einige Anbauer-Häuser, der Pfarre und Schule, erstere ohne Filial.

In dem von Süden nach Norden ziehenden, etwa 1 Stunde breiten Leinethal, unmittelbar an der von Hannover nach Göttingen angrenzenden lebhaften Landstraße belegen, südlich ½ Stunde weit die Stadt Alfeld, östlich die sieben Berge, westlich den Gutswald der Rehnberg genannt, nördlich das offene Thal, hat das kleine Dorf eine anerkannt freundliche Lage. Das Gut enthält 500 Morgen Acker, 400 Morgen Wiesen und 500 Morgen Hochwald. Die 10 Bauerstellen haben nur jede etwa 10 Morgen Meyerland , ein Paar Morgen Wiesen, mehr oder weniger etwas Erbland aber gar keine Waldung....

 

Bevor ich nun von mir selbst spreche, will ich doch den Schauplatz meiner ersten Thaten beschreiben. Meine Eltern wohnten zu Limmer in einem zum adligen Gute gehörenden einstöckigen mit Ziegeln gedeckten Hause rechts am Wege nach dem adligen Hofe dem Schafstalle gegenüber. Außer meinen Eltern wohnten in diesem Hause noch drei Familien und alle gleich beschränkt, nemlich der Schafmeister Knoke, der Schafhirte Deiters und der Schneider Schmidt. An der von der Fronte in der Mitte des Hauses quer durchlaufenden Flur hatte jede Familie ihren besonderen Feuerherd; man wußte immer, was der Nachbar kochte, gab sich auch oft gegenseitig zu schmecken, dabei war die Flur fast beständig Morgens, Mittags und Abends völlig in Rauch gehüllt....

 

Unsere Wohnung, unten aus Stube und Kammer mit Fußboden von Lehm, aber unterm Dache aus einer verschlossenen, blos verschalten Böne bestehend, lag von der Fronte gerechnet hinten im Hause südwestlich gegen einen Berggarten des adligen Hofes, so daß die Nachmittagssonne nur in den längsten Tagen durch die Obstbäume und Blätter auf kurze Zeit unsere Wohnung erreichte.

Die Grundschwellen halb verfault lagen ganz in der Erde, Stube und Kammer waren an der Auswärts gekehrten Seite feucht.

In der Stube hatten meine Eltern ihre Betten, in welchem ich in meiner frühesten Kindheit neben ihnen, nachher auf einem auch in der Stube eingerichteten Ruhebette, nach der Konfirmation aber nebst meinem acht Jahr nach mir geborenen Bruder in der Kammer unter mancherlei Haushaltsgegenständen schlief....

 

Meine Eltern gingen beide in die Herrenarbeit, wobei der Mann für 10 Stunden 6 mgl, die Frau 5 mgl verdienten; in der Erndte kamen sie nach Verhältniß höher. Im Winter kam eine kurze Ausnahme vor, indem der Vater das eigene Leinen, wozu die Mutter allein größtentheils in den Nebenstunden, den Flachs zubereitet und das Garn gesponnen, so wie für einige gute Freunde, webte und wobei er stets das Garn der Mutter vor andern lobte. Während der Abwesenheit der Eltern in der Herrenarbeit ward ich den Nachbarfrauen und größeren Kindern zur Aufsicht übergeben....

Zum Weihnachten brachte mir der heilige Christ von meinen Eltern auf einen von mir Abends vor dem Feste auf den Tisch gestellten Teller eine Handvoll Nüsse, zwei Aepfel, ein Honigkuchen und ein Weißbrode Bild solange bis ich dazu zu klug wurde; ebenso ward es nachher mit meinem Bruder gehalten.

Früh schon bekam ich etwas Geld zum Aufbewahren auf den Alfelder Jahrmarkt oder zu sonst angemessener Verwendung bei einem meiner Kleidungsstücke und dergl.

Fast alle häuslichen Geschäfte besorgten meine Eltern in den Feierabendstunden nebenher, sie hatten, wie auch die andern Tagelöhner, zwei Parzellen ständiges Gartland; es wurde im Felde jährlich abwechselnd einem jeden 12 Ruten gedüngt und gepflügt zu Winterkartoffeln, nebst 6 Himten Leinsamen gesäet, ein junges Schwein, alles gegen billige Preise, Brodkorn zu den festen Preise à Hbt 16 Gerste, Bohnen, Erbsen zu laufenden Mittelpreisen, Milch und Butter war stets auf dem Gute zu haben.

 

Wenn im Winter sich keine andre Nebenarbeiten fanden, wurde Kaufgarn aus Flachs und Hede gemischt, von Vater und Mutter, so wie nachher von mir und meinem Bruder, gesponnen. Das Garn stand zu der Zeit, wegen des starken Einzelhandels nach Amerika in dem guten Preise á Stück 4 mgl. Es wurden in der Woche 12- 20 Stück gesponnen, davon und von dem alle Sonnabend nach Abzug der Haus- und Landmiethe, des Getreides, Schreiners, der Wolle, verdienten Tagelohns, hatten meine Eltern ihre Einnahme, die völlig zu ihren Bedürfnissen ausreichte und einen Nothpfennig erübrigen ließ. Niemals war Mangel an Geld, wenn solches da seyn mußte.

 

Des Morgens um 3-4 Uhr standen die Eltern auf und spannen bis der Vater um 7 Uhr in die Arbeit ging, die Mutter, wenn nicht

etwa zum Dreschen beordert, in den strengsten Wintertagen zu Hause, neben den übrigen häuslichen Geschäften das Spinnen eifrig fortsetzte.

Nach dem Abendessen wurde bis 9-10 Uhr wieder gesponnen. ...

Meine Kleidung bestand, außer dem jeden Sonntag wechselnden Hemde in einer Tuchweste, leinenen kurzen Hose, langen leinenen Strümpfe im Sommer, wollenen im Winter, Schuhen mit Schnallen und einem Tuchkamisol, wie ich größer wurde einer leinenen Jacke rockartig mit langen Schößen. Auf den Kopf setzte ich eine blaubunte baumwollene Mütze und bekam den ersten Hut erst bei der Konfirmation. Mit der bezeichneten Kleidung ging ich Sommer und Winter zur Kirche und es trugen sie ebenso alle Bauerkinder.

Des Alltags ging ich im Sommer am liebsten barfuß. Pritschen, Sprüz- und Klappbüchsen machte mir zuerst der Vater, nachher ich selbst. Beim Ballspiel, Schlittenfahren, Glitschen, Klettern, Wettläufen war ich nie der letzte. Ich mußte aber neben dem Schulbesuch Zahlspinnen oder beim Weben des Vaters Spulen machen, auch Fallholz sammeln und eintragen, was einer meiner liebsten Beschäftigung war, weil ich sie in Gesellschaft anderer Knaben treiben konnte. Ein Knecht des adligen Guts hatte mich schon früher bei Oekonomiefuhren zu Zeiten auf sein Handpferd gesetzt, nun ging ich auch mit andern Knaben auf die Weide und lernte da ohne Furcht roh reiten...

 

Zu meinen Geschäften gehörte auch, daß ich das Mittagessen zum Kochen vorbereiten z.B. Kartoffeln schälen, rein waschen, in den Kochkessel thun und kurz vor dem Mittage Feuer darunter anlegen mußte, damit es der Mutter erleichtert wurde in den beiden Mittagsstunden mit der Herstellung und dem Genuß der Speisen für sich, den Vater und mich fertig zu werden....

Da meine Mutter der Jahre und ihrer schwachen Constitution wegen in der Erntezeit das Binden und Aufstiegen des Rockens nicht mehr allein ausführen können, mußte ich sie dabei unterstützen, wie ich etwa 13-14 Jahre alt war. Dreschen, Boken, Graben, Kartoffeln Hacken, Dünger schieben, Krauten für das Schwein mußte ich, wie es vorkam besorgen....“

Soweit Skizzen aus dem Leben eines Limmeraner Jungen, die das 1788 entstandene Bild mit erläutern helfen.

Erhebliche Veränderungen erfuhr das Leinetal im Bereich von Limmer durch die Anlage der Eisenbahnstrecke Hannover - Alfeld- Göttingen. Ihre direkten Vorbereitungen begannen 1851.

Die Planung sah wie folgt aus: Der von Limmer nach Alfeld führende sehr frequentierte Fußweg wird über die Bahn geführt. Die östlich der Bahn überbleibenden Enden zweier beim Weinberg liegender Stücke waren zu kaufen und den Bahnwärtern zuzuteilen oder in Wiesen umzuwandeln. Sie bedurften daher keiner besonderen Zuwegung. Die ganze - im übrigen teilweise sumpfige - Neue Wiese hatte - wie auch die Alfelder Hackelmasch - bisher der Grasnutzung und zum Treiben von 500 Kühen und 1000 Schafen gedient.

Würde nun die Gemeinde Alfeld entweder östlich der Bahn oder die westlich davon liegenden Teile der Neuen Wiese und Hackelmasch voneinander trennen, den einen Teil allein zur Behütung und den anderen zur Grasnutzung verwenden, hätte nur ein Fußweg und ein neuer kurzer Parallelweg auf der westlichen Seite angelegt werden müssen. Da nun aber sowohl die Eisenbahndirektion als auch die Wasserbaubehörde in der Neuen Wiese für einen Feldgraben und für den Burggraben zwei Brücken, die zugleich als Flutbrücken für das Leinehochwasser und als Durchtrift für das Vieh dienen sollten, genehmigt hatten, wurde auf die Möglichkeit ihrer Zusammenfassung zu einer größeren mit eisernem Oberbau versehenen Brücke aufmerksam gemacht. Für den vom St. Elisabeth - Hospital kommenden Burggraben sah die Projektierung eine Überwölbung bei zwölffüßiger Weite vor. Westlich der Bahn war er umzuleiten und das Terrain durch Bahnseitengräben zu entwässern. Die dazu notwendige Brücke wollte man auspflastern, und zwar so, dass der Burggraben auf der einen, tiefer liegenden Seite abfloss. Um die Neue Wiese mit der Hackelmasch sowohl für die Abfuhr der Heuernte bis zur Hannoverschen Chaussee als auch für die Behütung mit den großen Viehherden zu verbinden, sollte eine Trift gekauft, der alte Burggraben zugeworfen und im neuen

eine gepflasterte Mulde zur Durchfahrt angelegt werden.

Nach einigen Veränderungen an diesen Vorstellungen folgte 1853 die Fertigstellung der Bahnstrecke. Der Bahndamm wurde aus dem in jeweils unmittelbarer Nähe anstehenden Material aufgeschüttet.

Dadurch verlor der Weinberg seine bisher auf gleicher Höhe laufende Verbindung zu der westlich beginnenden Terrasse und wirkt heute als einzeln stehender Berg. Außerdem sollen in diesem Bereich Funde gemacht worden sein, die entweder mit den eisenzeitlichen Gefäßen von der Nordtangente korrespondierten oder aber mittelalterlich, also zur Burg gehörig, gewesen sein mögen. Ihr Verbleib ist jedenfalls unbekannt. Nach wie vor erhalten hat sich zwischen dem Weinberg und der Bahnstrecke ein kleiner Hügel, auf dem jahrzehntelang ein Bahnwärterhaus stand. Die zugehörigen Obstbäume gab es noch im Jahr 2012.

 

Dies Beispiel zeigt den grundlegenden Wandel in der Wirtschafts- und Sozialstruktur während eines Vierteljahrtausends allein am Beispiel eines Alfelder Ortsteils. Ähnliche Veränderungen gab es in vielen Siedlungen des Landkreises Hildesheim.

 

Gerhard Kraus

 

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